Befund lesen
Schadensklassen im Kanal: was der Befund bedeutet
Eine Schadens- oder Zustandsklasse fasst die einzelnen Beobachtungen einer Kamerabefahrung zu einer Rangfolge des Handlungsbedarfs zusammen. Sie entsteht in zwei Schritten: Zuerst wird jede Beobachtung nach einem Kodiersystem beschrieben, dann wird das Beschriebene nach einem Bewertungsregelwerk eingestuft. Beschreiben und Bewerten sind getrennte Vorgänge und beruhen auf verschiedenen Regelwerken.
Deshalb ist die Ziffer im Bericht ohne die Angabe, nach welchem Regelwerk bewertet wurde, nur die halbe Auskunft. Diese Seite erklärt, wie die Einstufung zustande kommt, welche Befunde dabei erfasst werden und was Sie sich aushändigen lassen sollten.
- Zustandsklasse
- Die Einstufung einer Haltung oder einer einzelnen Schadstelle in eine Rangfolge des Handlungsbedarfs — von der schwersten Stufe, die ein Handeln ohne Aufschub nahelegt, bis zu der Stufe, bei der kein kurzfristiger Handlungsbedarf besteht.
- Die Bezeichnungen und die Richtung der Skala hängen am angewandten Regelwerk. Herangezogen werden dafür die Bewertung nach dem Merkblatt der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall und die Klassifizierung nach den ISYBAU-Arbeitshilfen Abwasser. Lassen Sie sich im Bericht nennen, welches davon verwendet wurde — ohne diese Angabe lässt sich eine Ziffer nicht einordnen.
Quelle: DWA-M 149-3 (Zustandsklassifizierung und -bewertung); ISYBAU-Arbeitshilfen Abwasser · Stand September 2026
Erst kodieren, dann bewerten
Im ersten Schritt wird beschrieben, was die Kamera sieht. Dafür gibt es ein europäisch vereinheitlichtes Kodiersystem: Jede Beobachtung bekommt einen Code, dazu die Lage in der Haltung in Metern, die Lage im Querschnitt nach Uhrzeigerstellung und eine Angabe zum Ausmaß. Dieses System bewertet nicht — es beschreibt nur, und zwar so, dass zwei Betriebe dieselbe Stelle gleich benennen.
Im zweiten Schritt wird bewertet. Ein Bewertungsregelwerk ordnet den kodierten Beobachtungen Punkte oder Klassen zu und leitet daraus eine Einstufung ab — für die einzelne Schadstelle und für die Haltung insgesamt. Dabei wird nicht nur nach der Schwere gefragt, sondern auch nach der Richtung: baulich, betrieblich oder hydraulisch.
Die Trennung hat einen praktischen Wert für Sie. Die Kodierung ist eine Tatsachenbeschreibung, die sich überprüfen lässt, weil das Video vorliegt. Die Bewertung enthält eine Wertung, die vom Regelwerk abhängt. Kommen zwei Betriebe zu unterschiedlichen Ergebnissen, lohnt die Rückfrage, ob sie nach demselben Regelwerk bewertet haben.
Quelle: DIN EN 13508-2 (Kodiersystem für die optische Inspektion); DWA-M 149-3 · Stand September 2026
Die drei Richtungen der Bewertung
Eine Haltung wird nicht nur in einer, sondern in drei Hinsichten bewertet. Eine Leitung kann baulich unauffällig und hydraulisch trotzdem ein Fall sein.
| Richtung | Was bewertet wird | Typische Befunde | Was daraus folgt |
|---|---|---|---|
| Baulich | Der Zustand der Rohrsubstanz und ihrer Verbindungen | Risse, Scherbenbildung, Verformung, Versatz, Korrosion, fehlende Wandung | Ob das Rohr noch trägt — und damit, ob von innen ausgekleidet werden kann |
| Betrieblich | Was den Betrieb der Leitung im Alltag stört | Ablagerungen, Inkrustationen, Wurzeln, einragende Anschlüsse, Hindernisse | Ob Reinigung genügt oder ob die Störung eine bauliche Ursache hat |
| Hydraulisch | Ob die Leitung das anfallende Wasser noch ableiten kann | Zu geringes Gefälle, Unterbogen mit stehendem Wasser, Querschnittsverengung | Ob eine Auskleidung ausreicht oder der Querschnitt verändert werden muss |
Ein Befundbericht sollte alle drei Richtungen ausweisen. Wer nur eine Ziffer nennt, sagt nicht, worauf sie sich bezieht.
Quelle: DWA-M 149-3 — Zustandserfassung und -beurteilung von Entwässerungssystemen außerhalb von Gebäuden · Stand September 2026
Befunde und was sie bedeuten
Diese Beobachtungen stehen in Befundberichten. Die dritte Spalte sagt, warum sie zählen — nicht, wie schwer der Fall ist.
| Befund | Was beschrieben wird | Warum er zählt |
|---|---|---|
| Riss | Ein Trennungsbereich in der Rohrwand, längs, quer oder als Netz | Beginn eines Substanzverlusts; über den Riss kann Wasser austreten und Wurzelwerk eindringen |
| Scherbenbildung und Bruch | Rohrteile haben sich gelöst oder fehlen | Die Rohrwand trägt an dieser Stelle nicht mehr; für Auskleidungsverfahren fehlt die Auflage |
| Verformung | Der Querschnitt ist nicht mehr rund, gemessen in Bezug auf den ursprünglichen Durchmesser | Kenngröße bei Kunststoffrohren; ab einem bestimmten Ausmaß schließt sie Auskleidungen aus |
| Versatz an der Verbindung | Zwei Rohrenden stehen nicht mehr bündig, axial oder radial verschoben | Fängt Feststoffe, stört den Abfluss und ist die Eintrittsstelle für Wurzeln |
| Einragender Anschluss | Eine Zuleitung ragt in den Querschnitt hinein, statt bündig zu enden | Verengt den Querschnitt und fängt ab, was vorbeikommt; wiederkehrende Verstopfungen an dieser Stelle |
| Wurzeleinwuchs | Wurzelwerk im Querschnitt, ausgehend von einer Verbindung oder einem Riss | Weist auf eine undichte Stelle hin; Fräsen entfernt den Bewuchs, nicht die Eintrittsstelle |
| Ablagerung und Inkrustation | Loses oder festhaftendes Material an der Rohrwand | Betrieblicher Befund; kehrt wieder, wenn eine bauliche Ursache dahintersteht |
| Unterbogen mit stehendem Wasser | Eine Senke im Verlauf, in der Wasser nicht abfließt | Hydraulischer Befund; verlängert Verweilzeiten und begünstigt Ablagerung und Geruch |
| Undichtigkeit und eindringendes Wasser | Wasser tritt in die Leitung ein oder aus ihr aus | Zeigt eine offene Verbindung nach außen; für die Prüfung auf Dichtheit die maßgebliche Beobachtung |
Jeder Befund wird mit Meterangabe und Lage im Querschnitt festgehalten. Ohne diese Angaben lässt sich später nicht überprüfen, ob eine Maßnahme an der richtigen Stelle ausgeführt wurde.
Quelle: DIN EN 13508-2 — Kodiersystem für die optische Inspektion · Stand September 2026
Was in einem Befundbericht stehen sollte
Diese Angaben entstehen bei der Befahrung ohnehin. Fehlen sie, ist der Bericht später nicht verwendbar:
- Datum der Befahrung und Angabe, ob und wie vorher gereinigt wurde.
- Bezeichnung jeder befahrenen Haltung mit Anfangs- und Endpunkt sowie Fahrtrichtung.
- Werkstoff und Nennweite je Haltung.
- Jede Beobachtung mit Meterangabe, Lage im Querschnitt und Kodierung.
- Das Bewertungsregelwerk, nach dem eingestuft wurde — mit Namen, nicht nur als Ziffer.
- Die Videodatei und ein Lageplan der befahrenen Leitungen, beides zum Behalten.
- Die Empfehlung getrennt vom Befund, damit sich Tatsachen und Vorschlag auseinanderhalten lassen.
Häufige Fragen
Was bedeuten die Schadensklassen bei einer Kanaluntersuchung?
Schadens- oder Zustandsklassen ordnen die Befunde einer Kamerabefahrung in eine Rangfolge des Handlungsbedarfs ein — von der schwersten Stufe, die ein Handeln ohne Aufschub nahelegt, bis zu der Stufe ohne kurzfristigen Handlungsbedarf. Welche Ziffer für welche Stufe steht, hängt am angewandten Bewertungsregelwerk; die Angabe des Regelwerks gehört deshalb in den Bericht.
Wer legt die Schadensklasse fest?
Die Einstufung nimmt der Betrieb vor, der die Befahrung ausgewertet hat, auf Grundlage eines Bewertungsregelwerks. Nachvollziehbar wird sie durch die Kodierung der einzelnen Beobachtungen und durch das Video, das die Grundlage bildet. Beides sollte Ihnen ausgehändigt werden — dann lässt sich die Einstufung von einem zweiten Betrieb überprüfen.
Muss bei einer schlechten Zustandsklasse immer saniert werden?
Aus einer Zustandsklasse folgt kein bestimmtes Verfahren und nicht zwangsläufig eine Sanierung. Die Klasse beschreibt den Handlungsbedarf, nicht die Maßnahme; welche in Frage kommt, ergibt sich aus Art und Lage der Befunde, der Restragfähigkeit, der Geometrie und der Zugänglichkeit. Ein betrieblicher Befund kann durch Reinigung erledigt sein, ein baulicher nicht.
Kann ich einen Befundbericht selbst prüfen?
Ein Befundbericht lässt sich in Grundzügen selbst nachvollziehen, wenn Meterangaben, Kodierung, Werkstoff und Bewertungsregelwerk enthalten sind und das Video vorliegt. Die Stellen im Video lassen sich dann mit den Zeilen im Bericht abgleichen. Für die Einordnung der Klassen und die Ableitung eines Verfahrens ist Fachkenntnis nötig — dafür ist die Zweitmeinung eines anderen Betriebs der naheliegende Weg.