Werkstoffkunde
Abwasserrohr-Materialien: Steinzeug, Guss, PVC und KG
In privaten Grundstücksentwässerungen kommen fünf Werkstoffgruppen vor: Steinzeug, Beton, Gusseisen, Faserzement und Kunststoffe wie PVC-U, PP und PE. Der Werkstoff entscheidet mit darüber, welche Schäden zu erwarten sind und welches Sanierungsverfahren überhaupt in Frage kommt — er ist damit eine der ersten Angaben in jedem Befundbericht.
Wichtiger als die Frage, welcher Werkstoff der bessere ist, ist die Frage, welcher bei Ihnen liegt und in welchem Zustand. Diese Seite ordnet die Gruppen nach Erkennungsmerkmalen, Schwachstellen und Konsequenzen für die Verfahrenswahl.
- Muffenverbindung
- Die Verbindung zweier Rohre, bei der das Ende des einen Rohrs in die aufgeweitete Öffnung des anderen geschoben und dort abgedichtet wird — früher mit mineralischen Stoffen, heute mit einer eingelegten Dichtung.
- Sie ist die entscheidende Größe beim Vergleich der Werkstoffe. Kurze Rohrstücke bedeuten viele Verbindungen auf derselben Strecke, und Verbindungen sind die Stellen, an denen Befunde entstehen: dort bildet sich der Versatz, dort tritt Wasser aus, dort wächst Wurzelwerk ein. Wer Werkstoffe vergleicht, vergleicht deshalb immer auch ihre Verbindungstechnik.
Die Werkstoffgruppen im Überblick
Die letzte Spalte ist die praktisch wichtigste: Sie sagt, worauf bei der Verfahrenswahl zu achten ist.
| Werkstoff | Woran man ihn erkennt | Typische Schwachstelle | Bedeutung für die Verfahrenswahl |
|---|---|---|---|
| Steinzeug | Braun glasierte, glatte Innenfläche; kurze Rohrstücke, dadurch Muffen in kurzen Abständen | Sprödbruch, Scherbenbildung, Versatz und Wurzeleinwuchs an den Muffen | Grabenlose Auskleidung kommt in Frage, solange das Rohr noch trägt und die Achse stimmt; bei Scherbenbildung und Einsturz nicht mehr |
| Beton und Stahlbeton | Graue, mineralische Oberfläche mit sichtbarem Zuschlag; größere Nennweiten, in Schächten einsehbar | Abtrag durch biogene Schwefelsäure, besonders im Scheitel und bei langer Verweilzeit | Auskleidung möglich; entscheidend ist, ob nach dem Abtrag noch tragfähige Wandung vorhanden ist |
| Gusseisen | Dunkle, metallische Wandung; magnetisch; im Gebäude und an Fallleitungen anzutreffen | Korrosion von innen und außen, Auflagerungen, Querschnittsverengung, Lochfraß | Vor der Auskleidung muss der Querschnitt frei sein; die Reinigung ist hier aufwendiger als bei glatten Werkstoffen |
| Faserzement | Helle, mineralische Wandung ohne Glasur, an der Oberfläche faserig wirkend | Versprödung und Auswaschung, Risse an den Verbindungen | Bearbeitung nur nach dem für diesen Werkstoff geltenden Regelwerk; Werkstoff vor dem Eingriff bestimmen lassen |
| PVC-U und andere harte Kunststoffe | Oranger, brauner oder grauer Kunststoff, glatt; lange Rohrstücke, wenige Verbindungen | Ovalisierung bei mangelhafter Bettung, aufgestellte Dichtungen, Versprödung bei Wärme- oder Chemieeinwirkung | Auskleidung möglich, solange die Verformung im zulässigen Rahmen liegt; darüber hinaus wird erneuert |
| PE und PP | Schwarzer oder heller, zäher Kunststoff; Verbindungen geschweißt statt gemufft | Verformung unter Last, Beschädigung beim Einbau, Riefen und Einbeulungen | Wird bei Erneuerungen als Neurohr eingezogen; im Bestand ist die Verformung die Kenngröße |
Auf einem Grundstück können mehrere Werkstoffe nebeneinanderliegen, weil in verschiedenen Bauphasen gebaut wurde. Die Übergangsstellen zwischen zwei Werkstoffen sind eigene Schwachstellen und gehören in den Befund.
Warum der Werkstoff die Verfahrenswahl mitbestimmt
Grabenlose Verfahren kleiden das vorhandene Rohr von innen aus. Das setzt voraus, dass dieses Rohr noch da ist und noch trägt: Der eingebrachte Liner stützt sich beim Aushärten auf die Rohrwand, und die Geometrie der Leitung gibt vor, ob er sich überhaupt anlegen kann. Ein sprödes Rohr mit Scherbenbildung oder ein eingestürzter Abschnitt bietet diese Auflage nicht mehr.
Bei Kunststoffen ist die entscheidende Größe nicht der Bruch, sondern die Verformung. Ein Rohr, das unter Last oval geworden ist, hat keinen runden Querschnitt mehr — und ein Auskleidungsverfahren, das einen runden Querschnitt voraussetzt, stößt dort an eine Grenze. Bei metallischen Werkstoffen ist es die Auflagerung: Sie muss vor der Auskleidung entfernt werden, sonst wird der Liner auf eine Schicht aufgebracht, die sich später löst.
Deshalb gehört in jeden Befundbericht, aus welchem Werkstoff die Haltung besteht, und in jedes Angebot die Begründung, warum das vorgeschlagene Verfahren zu diesem Werkstoff und diesem Befund passt. Ein Angebot, das nur das Verfahren nennt, lässt sich nicht prüfen.
Was zum Werkstoff im Befundbericht stehen sollte
Diese Angaben entstehen bei der Befahrung ohnehin und lassen sich anfordern:
- Der Werkstoff je Haltung, nicht pauschal für die gesamte Anlage.
- Die Stellen, an denen der Werkstoff wechselt, und wie der Übergang ausgeführt ist.
- Die Nennweite je Haltung und ob sie sich innerhalb der Haltung ändert.
- Bei mineralischen Werkstoffen: ob und wo Abtrag an der Wandung festgestellt wurde.
- Bei Kunststoffen: ob eine Verformung vorliegt und in welcher Größenordnung sie gemessen wurde.
- Bei metallischen Werkstoffen: ob Auflagerungen den Querschnitt verengen und ob sie sich entfernen lassen.
Mehrere Bauphasen auf einem Grundstück
Eine Grundstücksentwässerung wächst mit dem Gebäude. Ein Anbau bekommt eine eigene Leitung, ein nachträglich eingebautes Bad wird angeschlossen, eine Trasse wird bei einer Baumaßnahme verlegt. Das Ergebnis ist ein Bestand, in dem mehrere Werkstoffe und mehrere Bauweisen nebeneinanderliegen.
Für die Sanierung heißt das: Es gibt nicht eine Antwort für die ganze Anlage. Eine Haltung kann von innen ausgekleidet werden, während die benachbarte erneuert werden muss und die dritte in Ordnung ist. Ein Angebot, das eine einzige Maßnahme für alles vorsieht, sollte begründen, warum das hier zutrifft.
Die Übergänge zwischen zwei Werkstoffen verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. Wo ein Werkstoff mit anderer Wandstärke, anderer Dehnung und anderer Verbindungstechnik an einen zweiten stößt, ist eine Stelle entstanden, die nachträglich hergestellt wurde — und nachträglich hergestellte Stellen sind die, die im Befund auffallen.
Häufige Fragen
Welche Materialien werden für Abwasserrohre verwendet?
Für private Abwasserleitungen kommen Steinzeug, Beton, Gusseisen, Faserzement und Kunststoffe wie PVC-U, PP und PE in Betracht. In älteren Beständen wurden mineralische Werkstoffe mit kurzen Rohrstücken ausgeführt, in jüngeren Kunststoffrohre mit längeren Rohrstücken. Welcher Werkstoff bei einem Grundstück liegt, steht im Entwässerungsplan oder wird bei der Kamerabefahrung festgestellt.
Woran erkennt man das Material einer Abwasserleitung?
Das Material einer Abwasserleitung lässt sich an der Innenfläche und am Abstand der Verbindungen erkennen: Steinzeug ist glasiert und braun mit kurzen Rohrstücken, Beton mineralisch grau mit sichtbarem Zuschlag, Gusseisen dunkel und metallisch, Kunststoff glatt und farbig mit langen Rohrstücken. Ohne Kamera ist die Bestimmung nur über den Entwässerungsplan oder an einer freiliegenden Stelle möglich.
Kann jedes Material von innen saniert werden?
Grabenlose Auskleidung setzt voraus, dass das vorhandene Rohr noch trägt und seine Geometrie stimmt — das ist die Grenze, nicht der Werkstoff an sich. Bei Scherbenbildung, eingestürzten Abschnitten, starker Verformung, Achsknicken oder fehlender Zugänglichkeit stößt das Verfahren an seine Grenze, und es wird erneuert. Welche Grenze im konkreten Fall greift, ergibt sich aus dem Befund.
Sind Kunststoffrohre besser als Steinzeug?
Kunststoff- und Steinzeugrohre haben unterschiedliche Stärken und unterschiedliche Schwachstellen. Kunststoff hat lange Rohrstücke und damit wenige Verbindungen, reagiert aber empfindlich auf mangelhafte Bettung; Steinzeug ist chemisch sehr beständig und mechanisch spröde, mit vielen Verbindungen auf gleicher Strecke. Für die Haltbarkeit ist die Sorgfalt beim Einbau die größere Größe als die Wahl zwischen beiden.